Expertentipps unserer Mitarbeitenden

Wie einen Menschen auf dem letzten Lebensweg begleiten?

Wir haben mit Barbara Aebischer, Ausbilderin beim SRK Kanton St.Gallen und erfahrene Fachperson in Palliative Care, über das gesprochen, was Angehörige besonders unterstützt. Ein Gespräch über Mut, Menschlichkeit und hilfreiche Tipps für die Begleitung am Lebensende.

Cicely Saunders fasste es prägend zusammen: «Wir wollen dem Leben nicht mehr Tage, aber den Tagen mehr Leben geben.»

Palliative Care bedeutet, schwer kranke Menschen umfassend zu begleiten – medizinisch, pflegerisch und menschlich. Der Begriff setzt sich aus palliative (lat. «ummanteln») und care (engl. «Sorge, Achtsamkeit») zusammen. Zum Einsatz kommt Palliative Care, wenn eine chronisch fortschreitende, lebensbedrohliche Erkrankung keine Heilung mehr zulässt. Die verbleibende Lebenszeit kann dennoch Monate bis Jahre betragen.

Ziele der Palliative Care sind eine vorausschauende Planung, die Linderung belastender Symptome sowie die bestmögliche Lebensqualität für Betroffene. Auch Angehörige werden als Mitbetroffene einbezogen und unterstützt. 

Für Angehörige ist es wichtig, dass sie offen über Wünsche und Bedürfnisse sprechen – auch über Ängste, Hoffnungen und Grenzen. Ebenso bedeutsam ist es, sich selbst Unterstützung zuzugestehen.

Wie Sie Ihre nahestehende Person unterstützen können

Letzte Wünsche klären

  • Was möchte die erkrankte Person noch erleben?
  • Welche Menschen möchte sie noch sehen?
  • Welche Rituale oder Lebensgewohnheiten sind wichtig?
  • Gibt es noch Situationen, die geklärt werden sollen? 

Den Abschied planen

  • Gibt es eine Patientenverfügung oder einen Vorsorgeauftrag?
  • Ist ein Testament vorhanden oder möchte die betroffene Person eines verfassen?
  • Wer entscheidet, wenn die Person selbst nicht mehr urteilsfähig ist?
  • Welche Wünsche bestehen bezüglich Kleidung, Abdankung, Bestattungsform oder -ort?

Begleitung zu Arztterminen

Arztbesuche können sehr herausfordernd sein. Es ist hilfreich, wenn noch zwei Ohren mehr die Informationen hören und sie sind oft eine wichtige Stütze, indem sie Beobachtungen mitteilen. Es ist hilfreich, wenn die Angehörigen im Prozess mit dabei sind und eigene Fragen und Unsicherheiten klären können. Dies ist nur mit Zustimmung der betroffenen Person möglich. 

Akzeptieren, wenn die Person nicht reden mag

Seien Sie mutig und reden Sie mit Ihren Nächsten über das Sterben, über Ängste und Hoffnungen. Nehmen Sie diese ernst, bagatellisieren Sie nicht. Die Verarbeitung vom nahenden Lebensende ist sehr individuell. Das erfordert viel Einfühlungsvermögen und Geduld. Manchmal fällt es Betroffenen leichter, mit aussenstehenden Menschen über Ängste, Sorgen und andere Gefühle zu sprechen. Nehmen Sie dies nicht als Ablehnung. Es kann sein, dass es einfacher ist, mit einer Person zu reden, die keine emotionale Bindung zum Betroffenen hat. Die Menschen am Lebensende befinden sich, wie die Angehörigen auch, in einem Prozess des Loslassens, des Abschieds und der Trauer. Unterstützung durch Psychologen, Seelsorge oder spezialisierte Dienste kann beiden Seiten helfen.

Hilfe durch Ihr soziales Netzwerk annehmen

Klären Sie in der Familie, bei Nachbarn, Freunden und Bekannten wer welche Art von Hilfe anbieten kann und möchte. Je mehr Schultern mittragen, desto leichter wird die Last. Nehmen Sie Hilfe an! 

Worauf Angehörige besonders achten sollten

Menschen am Lebensende zu begleiten, ist sehr emotional und kräftezehrend. Durch die zunehmende Schwäche der erkrankten Person müssen Angehörige oft neue Rollen übernehmen. Machen Sie keine Versprechungen, die Sie nicht sicher einhalten können.

Viele Menschen wünschen sich, zu Hause zu sterben – doch der Sterbeprozess ist sehr individuell und nur begrenzt vorhersehbar. Je nach Beschwerden, die auftreten, wie lange der Prozess dauert und wie viel Pflege nötig wird, können Angehörige an ihre Grenzen kommen. Geben Sie deshalb nur Zusagen, die realistisch sind. Zum Beispiel: «Ich verspreche dir, dich zu begleiten, solange es mir möglich ist.» Es ist hilfreich, einen Plan B bereitzuhalten. 

In den letzten Lebens­tagen und -stunden kann es für Sterbende sehr tröstlich sein, nicht allein zu sein. Seien Sie einfach da. Lesen Sie etwas vor, erzählen Sie vom Alltag oder lassen Sie einfach Stille zu. Sagen Sie die Dinge, die Ihnen wichtig sind – ein Dank, eine Entschuldigung oder gemeinsame Erinnerungen. Der Hörsinn bleibt meist am längsten erhalten.

Und manchmal wollen die Menschen allein sterben. Dann warten sie genau auf den Moment, wenn Angehörige sich einen Kaffee holen oder zur Toilette gehen. Dann stimmt es so. 

Essen und Trinken im Sterbeprozess

Im Sterbeprozess braucht der Körper kaum noch Energie oder Flüssigkeit. Zu viel Nahrung oder Trinken kann sogar den Kreislauf belasten. Die sterbende Person spürt meist selbst am besten, was ihr guttut: Manche essen noch bis zuletzt, andere lehnen Nahrung ab. Das Durstgefühl lässt sich gut durch Mundpflege lindern – etwa mit einem feuchten Schwämmchen oder einem Mundspray, das mit einem Lieblingsgetränk befüllt ist. 

Und was, wenn ich selbst keine Kraft mehr habe? 

Seien Sie achtsam mit sich. Der Sterbeprozess einer nahestehenden Person erfordert sehr viel Energie. Seien Sie offen dafür, Hilfe anzunehmen. Wenn alles zu viel wird, sorgen Sie für Ihre Entlastung! Das kann die Spitex sein, der Palliative Brückendienst, Freiwilligendienste oder die Person in eine Institution zu verlegen. Dies bereits als Plan B vorzubereiten, ist eine grosse Entlastung für alle. 

Angebote und Unterstützung in der Ostschweiz

Palliative-Hotline Ostschweiz
Telefonische Auskunft rund um die Uhr – für Betroffene und Angehörige.
Tel. +41 (0)71 494 29 00

Palliativer Brückendienst
Mobiler, spezialisierter Beratungsdienst zur palliativen Betreuung zu Hause
https://ostschweiz.krebsliga.ch/dienstleistungen/palliativer-brueckendienst

Hospiz-Dienst St.Gallen
Ehrenamtliche Begleitung schwerkranker Menschen und Entlastung von Angehörigen.
https://www.hospiz-dienst-sg.ch/

Weitere Informationen zu Palliative Care
https://www.palliative-ostschweiz.ch/